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DANCE ON ist nicht weniger als eines der ungewöhnlichsten Tanzprojekte der vergangenen Jahrzehnte. Ungewöhnlich, weil es die festgefügten Grenzen tänzerischer Aktivität gesprengt und die Sicht auf Tanz und Alter verändert hat. In der ersten Zwischenbilanz, für die Madeline Ritter uns (*) engagiert hat, haben wir Blicke von innen, von außen und aus der Ferne auf die Arbeit des Ensembles und des dahinter stehenden Teams von Diehl + Ritter geworfen. Wir zeigen, was bislang erreicht wurde und was weiterhin auf der Agenda steht. Im Zentrum steht dabei natürlich das Werk, also die zwölf geschaffenen Inszenierungen des DANCE ON ENSEMBLES, die Tine Fetz kongenial in einem Parcours als Comic umgesetzt hat.

Wir haben die fünf derzeit zum Ensemble gehörigen Künstler gefragt, wer sie geprägt hat, mit wem sie in ihren Karrieren bislang gearbeitet haben, und wer derzeit für sie wichtig ist? Sie haben die ganze Vielfalt ihrer künstlerischen Vernetzung offengelegt, die Tine Fetz als überbordenden „Family Tree“ hat sprießen lassen. Zu einer Innensicht gehört, die TänzerInnen, aber auch die Direktion von DANCE ON erzählen zu lassen. Im Gespräch mit der Journalistin Claudia Henne, die das Projekt über die Jahre begleitet hat, ziehen sie gemeinsam eine erste Bilanz.

Was kann der wissenschaftliche Blick von außen zu einem Projekt wie DANCE ON beitragen? Es war dem Team um Madeline Ritter besonders wichtig, ihr ambitioniertes Projekt von Forschern begleiten und auswerten zu lassen. Unter der Überschrift „DANCE ON RESEARCH“ zeigen wir in drei Beiträgen den beträchtlichen Erkenntnisgewinn. So fragt Patrick Rump, ob ein höheres Alter für Tänzer aus sportwissenschaftlicher Sicht wirklich ein messbares Nachlassen der Leistungsfähigkeit bedeutet? Die ehemalige Tänzerin und heutige Kulturwissenschaftlerin Anna Seidl von der Universität Amsterdam stellt die wichtigen Grundfragen von DANCE ON in den Kontext: Was gewinnen die Tänzer, wenn sie weitertanzen, was das Publikum, was die Kunstform? Schließlich hat DANCE ON in Zusammenarbeit mit der FU Berlin die besondere Gelegenheit genutzt, bei den Aufführungen in Umfragen zu untersuchen, wie das Bild der Zuschauer vom Alter in den performativen Künsten aussieht. Welche Vorstellungen und welche Klischees existieren in den Köpfen?

Ramsay Burt, Professor für Tanzgeschichte an der englischen De Montfort-Universität, stellt in einem Blick aus der Ferne die provokante Frage, welche Rolle Respekt vor der Altersleistung spielt, wenn wir älteren Tänzern applaudieren. Sollten wir nicht primär ihr künstlerisches Schaffen wertschätzen – welches ein „alternatives Narrativ“ zum Thema des Alterns einschließen kann? In der Selbstverständlichkeit, mit der DANCE ON bestehende Stereotypen der Bewertung in Frage gestellt bzw. über den Haufen geworfen hat, sieht er die herausragende Qualität des Ensembles.

Hans Georg und Katrin Hiller von Gaertringen und Barbara Schindler

Die Publikation (dt./en.) erscheint anlässlich des DANCE ON-Festivals Out of Now im HAU Hebbel am Ufer Berlin, 28.2. bis 4.3.2018